Wieso Hörsysteme Demenz vorbeugen können

Es wäre zu schön, um wahr zu sein: Mit Hilfe von Hörsystemen das Schreckgespenst Demenz aufhalten? „Hörsysteme sind sicherlich kein Allheilmittel“, sagt Angelika Illg. Aber sie könnten einen Beitrag dazu leisten, den Verlust von kognitiven Fähigkeiten hinauszuzögern. Die Therapeutin ist pädagogische Leiterin des Deutschen Hörzentrums an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Sie erforscht, inwieweit gutes Hören und der Verlust von geistigen Fähigkeiten zusammenhängen.

Kognitive Leistungen eingeschränkt

Bei Menschen, die an Demenz leiden, sind kognitive Leistungen eingeschränkt. Dazu gehören das Gedächtnis, die Auffassungsgabe, das Denkvermögen und der Orientierungssinn. Im Verlauf der Krankheit sterben immer mehr Nervenzellen ab. Den Betroffenen fällt es immer schwerer, sich zu konzentrieren. Sie brauchen viel Zeit, um sich Gedanken neu einzuprägen, sich auszudrücken und auch um andere Menschen zu verstehen. 

Nervenzellen sterben ab

Demenz ist eine so genannte neurodegenerative Krankheit. Sind Nervenzellen erst einmal abgestorben, kann der Körper sie nicht wieder herstellen. Die Konsequenz ist, dass der Prozess des Verstehens immer länger dauert je weiter die Krankheit voran geschritten ist.

Risikofaktoren vermeiden

Demenz kann auf vielfältigen Faktoren beruhen. Dazu gehören Lebenswandel, genetische oder auch Umwelteinflüsse. Risikofaktoren sind beispielsweise Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Rauchen, Alkoholkonsum oder auch Übergewicht. Depressionen und eine geringe körperliche, geistige oder auch soziale Aktivität erhöhen ebenfalls die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken. 

Soziale Isolation

„Vermeidbare Risikofaktoren für die Alzheimer-Krankheit sind Schädelhirnverletzungen und Depressionen“, erklärt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Schlechtes Hören wiederum führt zu sozialer Isolation, was in einer Depression enden kann. „Mit einem Hörgerät wäre ein Risikofaktor für Demenz leicht auszuhebeln“, betont auch Prof. Anja Schneider, Leiterin der Arbeitsgruppe für translationale Demenzforschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): „Viele Faktoren gehen Hand in Hand und bedingen einander.“

Neue Studie

In Bezug auf Schwerhörigkeit haben Angelika Illg und ihr Team jetzt ein Jahr lang zwei Gruppen begleitet. In der einen Gruppe befanden sich Normalhörende; in der anderen Menschen, die ein Cochlea-Implantat (CI) bekommen haben. Alle waren mindestens 65 Jahre alt. Um die kognitiven Fähigkeiten der Testpersonen einschätzen zu können, absolvierten sie zunächst einen Mini-Mental-Status-Test (MMST). Beim MMST werden zunächst anhand von neun Aufgabenkomplexen Fähigkeiten wie zeitliche und räumliche Orientierung, Merk- und Erinnerungsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Sprache- und Sprachverständnis, Lesen, Schreiben, Zeichnen und Rechnen abgefragt.

Auswertung läuft

„Die Testpersonen durften dabei nicht auffällig sein“, sagt Illg. Ebenso wurde die Gruppe der Schwerhörigen getestet, bevor sie ein Cochlea-Implantat bekam. „Derzeit läuft die Auswertung, ob CI die kognitiven Fähigkeiten verbessert hat“, erklärt die Therapeutin. Schon jetzt steht fest: „Die CI-Patienten sind in einigen Bereichen besser geworden“, sagt Illg. Vor allem im Arbeitsgedächtnis war eine gesteigerte Leistung festzustellen. Hörhilfen können also einen Baustein dafür liefern, eine Demenz hinauszuzögern.

Foto: Broermann/HNO/MH. Sie