Vom Hörtest zum Hörgerät – ein Erfahrungsbericht

Vom Hörtest zum Hörgerät – wie fühlt man sich da? Was gibt es zu beachten? Ein Erfahrungsbericht über den ersten Besuch bei einem Hörakustiker.

Eine Vorahnung

Geahnt hatte ich es ja schon länger: Immer, wenn ich meine Ruhe haben wollte, drehte ich mich im Bett oder auf dem Sofa auf das linke Ohr. Wie selbstverständlich telefonierte ich auch nur mit – Sie ahnen es – dem linken Ohr. Es ging zwar nicht so weit, dass ich den Kopf und somit das linke Ohr nach vorn drehte, wenn ich mit jemandem sprach, aber ich ahnte: Mit dem rechten Ohr hörte ich nicht so gut.

Hören Sie schlecht?

Ein Hals-Nasen-Ohrenarzt stellt dann eher nebenbei doch recht verwundert fest: „Hören Sie auf dem rechten Ohr schwer?“ Ich war Mitte Zwanzig, und als er das so aussprach, dachte ich spontan an den Spruch, den meine Mutter immer gemacht hatte: „Schlecht hören kann sie gut.“ Ich grinste und nickte: „Ja, kann schon sein.“ Ich hatte als Kind einige Mittelohrentzündungen gehabt. Diese hatten mein Gehör auf der einen Seite wohl in Mitleidenschaft gezogen.

Bei der Pro Akustikerin

Nun saß ich bei der Hörakustikerin Sabine Thürmann, die bei Martin Blecker in Hannover als Meisterin arbeitet, in einer Kabine und war doch etwas aufgeregt. Sie will einen Hörtest mit mir machen. Brauchte ich ein Hörsystem? Eines dieser Geräte, die heute so schick wie in einem Agentenfilm aussehen – kaum sichtbar im Ohr, elegant hinter dem Ohr und ohne ein gedrehtes Kabel wie bei Personenschützern? Würde ich mir vorkommen wie Miss Bond oder eher wie meine eigene Großmutter? Welches Hörsystem trägt Miss Bond? Würde der Teil, den man im Ohr trägt, drücken? So viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Sabine Thürmann beantwortete sie alle – und zwar sehr artikuliert.

 „Ich bin darauf trainiert, sehr deutlich zu sprechen“, sagt die Akustikerin. Schließlich müsse sie auch Kunden mit hochgradiger Schwerhörigkeit verstehen. Auch sie sitzen dann vor ihr in dem weißen Behandlungsstuhl, der bequem wie ein Sessel ist. Dass Sabine Thürmann aus Sachsen-Anhalt kommt, hört man jedenfalls nicht mit einem Vokal.

Ein Blick aufs Trommelfell

Der Hörtest beginnt. Zunächst blickt die Akustikerin mit einem Otoskop in mein Ohr. Das tut nicht weh, und das kenne ich auch schon vom HNO-Arzt aus Kindertagen. Links ist alles wunderbar. Rechts eigentlich auch, nur dass das Trommelfell so aussieht, als habe es oben kleine Kratzer, wie wenn jemand mit Schlittschuhen über Eis gefahren ist. Das ist nicht schlimm, aber wahrscheinlich eine Folge meiner kindlichen Mittelohrentzündungen. Aber ich habe darin kein Loch oder einen Riss im Trommelfell. Das ist die gute Nachricht.

Der Hörtest

Der Hörtest geht weiter. Dazu bekomme ich dicke Kopfhörer auf. Jedes Mal, wenn ich einen Ton höre, soll ich den Finger heben. Ich bin so aufgeregt, dass ich mein eigenes Blut pochen höre. Ich schließe die Augen. Wir beginnen links, meine starke Seite. Der erste Ton ist hoch und verschwindet dann allmählich.  Jedes Mal wird er ein wenig leiser. Schließlich höre ich ihn nicht mehr. So geht das eine ganze Zeit. Dann kommt das rechte Ohr dran. Wieder Töne verschiedener Frequenzen. Das tut nicht weh und ist auch nicht unangenehm.

Das Ergebnis

Ich darf die Kopfhörer abnehmen. Sabine Thürmann zeigt auf die beiden Diagramme hinter mir. Die Kurve meines linken Ohrs zeigt: Alles super. Ich höre alles und noch ein wenig mehr. Ein Superlauscher, keine Frage. Rechts ist auch eigentlich alles okay. Da bin ich normalhörig. Nur zwei kleine Punkte zeigen, dass ich vermutlich doch ein Hörgerät benötige, wenn ich etwa 60 Jahre alt sein werde.

Die Angst, alt zu wirken

 „Das kann man aber nie so genau sagen“, erklärt die Akustikerin. Jeder Mensch ist schließlich anders. Doch wenn ich mit 60 Jahren ein Hörgerät bräuchte, läge ich damit voll im bundesdeutschen Durchschnitt. Die Bundesinnung der Hörakustiker schätzt, dass bei den meisten Menschen mit 60 Jahren eine Schwerhörigkeit vorliegt, die versorgt werden muss. Doch viele gehen erst zehn Jahre später zum HNO-Arzt oder Akustiker. Sie schämen sich, wollen nicht alt sein oder wirken.

Promis mit Hörsystem

Diese Befürchtungen teilen viele Menschen – besonders die, die im Rampenlicht stehen. So gibt Miroslav Nemec, besser bekannt als Tatort-Kommissar Ivo Batic, unumwunden zu: „Es ist ja etwas, was man verheimlichen möchte.“ Und Mario Adorf sagt: „Ich hatte Angst, dass es auffällt.“ Er selbst habe neun Jahre lang den Weg zum Akustiker hinausgezögert – auch wenn seine Frau lange zuvor schon bemerkt habe, dass er scheinbar nicht mehr richtig höre.

Die Otoplastik

Damit ich besser verstehen kann, wie man sich wirklich als Fehlhöriger fühlt, wird Sabine Thürmann nun eine Abformung vom Gehörgang machen, um meine persönlichen Ohrpassstücke anzufertigen. Im Fachjargon heißt das Otoplastik, von griechisch „Otos“, das Ohr, und „plastein“, formen und gestalten. In diese Ohrpassstücke können dann Mini-Lautsprecher eingefügt werden, die mein Hördefizit ausgleichen. Zunächst nimmt sie ein Stück Faden und macht eine Schlaufe. Daran befestigt sie ein Bäuschchen Watte. Dies wird später vor meinem Trommelfell platziert, damit das Silikon nicht bis direkt davor kommt. Der Faden ist dazu da, um die ausgehärtete Silikonform später wie ein Tampon herauszuziehen.

Silikon im Ohr

Mit einer Pinzette schiebt die Akustikerin das Wattebäuschchen in den Gehörgang und kontrolliert anschließend mit dem Otoskop den Sitz. Mit einem Leuchtstab kann sie zudem sehen, wie lang mein Gehörgang ist. Anschließend spritzt sie langsam das Silikon ins Ohr. Die Welt der Geräusche wird allmählich immer dumpfer je mehr von der rosa Paste in meinem Gehörgang verschwindet. Ich verstehe die Akustikerin zwar noch, aber hohe Töne? Welche hohen Töne?

Wie man langsam schwerhörig wird

Es fühlt sich feucht und kühl in meinem Ohr an. Entgegen meiner Befürchtung, das Einspritzen des Silikons könne weh tun, ist nichts unangenehm. Die gleiche Prozedur beim zweiten Ohr. Langsam werde ich wirklich schwerhörig. Als das andere Ohr auch mit Silikon abgedichtet ist, verstummt die Welt um mich herum zwar nicht, aber sie wird undeutlicher, gedämpfter. Automatisch schaue ich die Akustikerin intensiv an, wenn ich mit ihr spreche. Ich schaue ihr auf den Mund und sehe wie sie Buchstaben formen.

Drei Minuten dumpfe Welt

Drei Minuten dauert meine künstlich provozierte Schwerhörigkeit. Dann zieht Sabine Thürmann langsam an dem Faden. In ihrer Hand hält sie den Abdruck meines Gehörganges. Wie ein kleiner Wurm sieht er aus. Er hat eine kleine Windung. „Alles ganz normal“, sagt die Akustikerin. Normal lang, normal breit. In diesen Gehörgang bekäme man auch ein In-Ohr-Hörsystem. Bei zu kleinen oder schmalen Gehörgängen kann das ein Problem werden. „Im Alter werden die Gehörgänge auch weiter“, sagt Thürmann. Es wachsen also nicht nur die Nasen, sondern auch die Ohren.

Den ersten Teil habe ich geschafft. Im nächsten werde ich ein Hörsystem bekommen, das mir Sabine Thürmann anpassen wird. Ich bin gespannt.

 

Wer selbst einmal ausprobieren möchte, wie gut er noch hören kann, findet hier einen Online-Hörtest: https://www.proakustik.de/hoertest/

Alle Fotos: Stefan Arend