Silvesterböller – die unterschätzte Gefahr

Böllern zu Silvester gehört für viele Menschen zum Jahreswechsel wie Berliner Pfannkuchen und Prosecco. Schließlich soll der Krach böse Geister vertreiben. Die mögen dann zwar weg sein, das Gehör meist aber auch. Was bleibt, ist ein Knalltrauma. Silvesterböller – die unterschätzte Gefahr?

30.000 Betroffene

Dass man auf einem Schießstand Gehörschutz trägt, ist vorgeschrieben. In der Silvesternacht hingegen kann jeder böllern wie er will – sehr zum Schaden seiner Ohren. Zum Jahreswechsel erleiden alljährlich etwa 30.000 Menschen in Deutschland ein so genanntes Knalltrauma.

So laut wie ein Düsenjet

Oftmals unterschätzen sie die Lautstärke ihres Silvestergrußes: Lautstärken zwischen 130 und 180 Dezibel sind bei Böllern keine Seltenheit. Das ist vergleichbar mit einem Presslufthammer oder einem startenden Düsenjet. Das Problem: Der Lärm ist impulsartig wie bei einem Schuss. Was viele Menschen nicht wissen: Ein Knall reicht aus, um das Gehör dauerhaft zu schädigen. Denn Impulslärm ist gefährlicher als Dauerlärm. Es ist tatsächlich so: Silvesterböller – die unterschätzte Gefahr.

Das Ohr kann sich nicht alleine schützen

Bei einem Impulslärm werden die Sinneszellen im Innenohr ein bis drei Millisekunden geschädigt. Entweder kommt es zu einer mechanischen oder einer Stoffwechselstörung. Bei einer mechanischen Störung werden die Sinneszellen so umgeknickt, dass sie zerstört werden. Bei einer Stoffwechselstörung werden sie beispielsweise nicht mehr mit genügend Sauerstoff versorgt, so dass sie absterben. Fakt ist: Einmal zerstörte Sinneszellen wachsen nicht mehr nach. Sie sind irreparabel verloren. Schon aus diesem Grund sollte man unbedingt beim Böllern einen Gehörschutz tragen.

Symptome und Behandlung

Wer ein Knalltrauma erleidet, hat oftmals auf einem Ohr gar kein Gehör mehr. Dies kann sich zwar nach einem Tag etwas legen. Dennoch sollte man sofort zum Arzt – auch wenn bei einem Knalltrauma das Trommelfell unverletzt bleibt. Die Sinneszellen im Innenohr werden bei einem Knalltrauma geschädigt. Daher wird der Arzt in den meisten Fällen zum einen durchblutungsfördernde Medikamente, zum anderen aber auch Cortison zum Abschwellen geben. Er kann auch eine Infusion für richtig erachten. Daher: nicht erst ins Bett, sondern sofort zum Arzt.

Oberhalb der Schmerzgrenze

Normalerweise fühlen Menschen sich ab einer Stärke von 80 bis 85 Dezibel unwohl. Das entspricht in etwa einer Motorsäge im Einsatz. Die Schmerzgrenze liegt bei 120 Dezibel. Das die Böller immer mehr zur Gefahr wurden, liegt auch daran, dass sie mehr Sprengsatz in sich tragen. Lag die Grenze bis 2010 bei 200 Gramm Sprengstoff, sind jetzt bis zu 500 Gramm erlaubt. Durch die Harmonisierung der EU-Gesetzgebung wurde das möglich.

Gehörschutz tragen

Wer in der Silvesternacht auf Nummer Sicher gehen möchte, der sollte unbedingt einen Gehörschutz tragen. Am besten ist ein angepasster Gehörschutz von einem Pro Akustiker in ihrer Nähe. Er wird sich die Zeit nehmen, Sie zu beraten. Der Vorteil: ein individuell gefertigter Gehörschutz schirmt das Gehör nicht nur am wirkungsvollsten ab, er kann auch immer wieder verwendet werden – wie beispielsweise bei Rockkonzerten oder bei langen Flugreisen.

Kinder schützen

Während Erwachsene für sich selbst sorgen können, sollte man jüngere Menschen besonders schützen: „Kinder und Jugendliche können die Gefahr des lauten Knalls nicht einschätzen. Gerade ihr Gehör ist besonders empfindlich“, weiß Marianne Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörakustiker (biha) und Hörakustikmeisterin. Eigens für Kinder gibt es so genannte Micky-Mäuse, die wie Kopfhörer aufgesetzt werden. Sie schirmen die Kleinsten vom größten Knall ab.

Lieber Leise

Man kann Silvester auch leise feiern. Wunderkerzen sind romantisch und nicht laut. Böller kosten zudem Geld und belasten oftmals am nächsten Tag die Stadtreinigung. Nachhaltig sind sie selbst kaum. Wer trotzdem ausgiebig böllern möchte, der sollte zumindest Ohrstöpsel tragen.