„Schwerhörige haben es derzeit besonders schwer“

Das Problem ist kaum hörbar. Doch es ist ein sehr großes: „Mund-Nasen-Masken dämpfen die Sprache um bis zu zehn Dezibel“, sagt Hörakustiker Torsten Saile, der gemeinsam mit seiner Auszubildenden Janina Gregori nachgemessen hat, wie viel Schall der Schutz wirklich schluckt. Das Ergebnis unterstreicht eine Beobachtung, die alle Hörakustiker des Verbandes Pro Akustik derzeit machen: „Schwerhörige haben es in dieser Zeit besonders schwer.“ Doch der Hörakustiker des Verbandes Pro Akustik hat eine Lösung gefunden: Er hat ein Hörprogramm geschrieben, das dieses Problem löst. „Das schafft unseren Kunden große Erleichterung“, sagt Saile.

Das Problem: die Maske

Neben der gedämpften Sprache kommt ein weiteres Problem häufig hinzu: Durch das Tragen von Masken wird das Mundbild verdeckt. „Viele unserer Kunden lesen aber von den Lippen ab“, erklärt Saile. Wegen der Masken sei das unmöglich geworden. Aus diesem Grund haben Saile und seine Pro Akustiker-Kollegen Michael Tielesch und André Fiedler Lippenlesemasken entwickelt, die ein klares Sichtfenster vorn haben, so dass die Kunden den Mund des Hörakustikers sehen können. Die Resonanz darauf war phänomenal: „Wir bekommen immer mehr Anfragen.“ Inzwischen haben die Pro Akustiker eine Schneiderin gefunden, die bis zu 300 Masken in der Woche fertigen kann. Die Masken sind aus waschbarem Stoff, das Sichtfenster kann herausgenommen und mit Desinfektionsmittel gereinigt werden.

Scheu, nachzufragen

Besonders Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen freut diese Erfindung. „Viele haben die Scheu, nachzufragen, wenn sie etwas nicht verstehen“, berichtet Saile. Das sei vielen Mitmenschen nicht bewusst. Mitarbeitern von Behörden oder auch Arztpraxen würden es oftmals nicht unbedingt bemerken, dass der Mensch, der vor ihnen steht, ein Hörgerät trägt. „Die Hörgeräte sind inzwischen so klein, dass sie nahezu unsichtbar sind“, erklärt Saile. Auf den ersten Blick seien diese gar nicht zu erkennen.

16 Millionen Menschen mit Hörminderung

Dabei ist es heutzutage gar nicht so selten, dass Menschen Hörgeräte tragen. Etwa 16 Millionen Menschen sind in Deutschland von einer Hörminderung betroffen – und es sind keineswegs ausschließlich alte Menschen, die ein Hörgerät benötigen. „Es gibt auch junge Menschen, die durch Infektionen oder Lärm eine verringerte Hörfähigkeit haben“, sagt Saile. Der Hörakustiker bittet um mehr Rücksichtnahme – zumal auch Normalhörende derzeit durchaus Probleme mit dem Verstehen von Sprache haben können. Besonders Laute wie „s“ oder „z“, „t“ oder „k“ kommen nur gedämpft und verschwommen beim Zuhörer an, wenn der Sprecher eine Mund-Nasen-Maske trägt. „Eigentlich sind derzeit alle ein wenig schwerhörig“, überlegt Saile. Gegenseitige Rücksicht sei daher sehr gefragt.