250 Jahre Beethoven – ein begnadeter, schwerhöriger Musiker von Weltrang

250 Jahre Beethoven – ein begnadeter, schwerhöriger Musiker von Weltrang: Er ist wohl der berühmteste taube Musiker und Komponist der Welt. Ludwig van Beethoven feiert 2020 seinen 250 Geburtstag. Mit 27 Jahren begann seine Schwerhörigkeit, mit 48 Jahren war er komplett taub. Dennoch komponierte er sein Leben lang, denn Beethoven hatte etwas, was extrem selten ist: ein absolutes Gehör. Er konnte Noten im Kopf zu Klängen verbinden und komponieren. Dazu brauchte er sie nicht hören.

Beethoven mit Tinnitus

Beethoven selbst litt sehr unter dem Verlust des Gehörs. An seinen Freund, Dr. Franz Gerhard Wegeler, schrieb er 1801: „Der neidische Dämon hat meiner Gesundheit einen schlimmen Streich gespielt, nämlich mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer geworden.“ Zudem schildert er Symptome, die auf einen Tinnitus hinweisen: „Nur meine Ohren, die sausen und brausen Tag und Nacht fort.“ Der Hörverlust quälte den Musiker so sehr, dass er anfing, sich vor Menschen zurückzuziehen. Er schämte sich – auch weil er als Musiker doch eigentlich sehr gut hören sollte.

Rückzug aus der Öffentlichkeit

Immer mehr zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er mied Gesellschaften: „Ich bringe mein Leben elend zu. Seit zwei Jahren meide ich alle Gesellschaften, weils mir nicht möglich ist, den Leuten zu sagen, ich bin taub. Hätte ich irgendein anderes Fach so gings noch eher, aber in meinem Fach ist es ein schrecklicher Zustand.“ Besonders hohe Töne könne er nicht mehr hören, verzeichnete er.

Als Sprache unverständlich wurde

„Manchmal auch hör ich den Redner, der leise spricht, wohl, aber die Worte nicht und doch, sobald jemand schreit, ist es mir unausstehlich“, schrieb er. Beethoven litt also nicht nur an einem Sprachverständlichkeitsverlust, sondern auch unter einer Überempfindlichkeit des Hörsystems. Er, der mit sieben Jahren sein erstes Konzert gegeben, mit zwölf Jahren erstmals komponiert hatte, litt unsäglich an der voranschreitenden Schwerhörigkeit.

Selbstmordgedanken und Anweisungen an den Arzt

Beethoven hatte sogar Selbstmordgedanken. Seinem Arzt, Prof. J. Adam Schmidt, trug er auf, nach seinem Tod die Krankheit zu beschreiben. „Damit wenigstens soviel als möglich die Welt nach meinem Tode mit mir versöhnt werde“, schrieb er 1802. Er war gerade 32 Jahre alt, als er sein so genanntes Heiligenstädter Testament aufsetzte. Zu diesem Zeitpunkt war seine Schwerhörigkeit schon weit fortgeschritten.

Symptome weisen auf Krankheit hin

Die Symptome, die Beethoven beschreibt, weisen auf eine bestimmte Krankheit hin. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass sich der Komponist mit Fleckfieber infiziert haben könne. Die bakterielle Infektion wurde damals von Kleiderläusen übertragen. Glaubt man den zeitgenössischen Darstellungen, dann könnte die Wohnung des Musikers durchaus ein Biotop für diese Parasiten gewesen sein. Bis spät nachmittags soll der ungeleerte Nachttopf unterm Flügel gestanden, Essensreste zwischen den Noten gelegen haben. Je schlechter die hygienischen Bedingungen sind, desto wohler fühlt sich der Parasit.

Ein Drittel leidet unter Hörverlust

Heute kann man die Krankheit gut behandeln. Doch in Vor-Antibiotika-Zeiten war das schwer. Vierzig Prozent der Infizierten starben, ein Drittel erlitt in der Folge einen Hörverlust. Aber Beethoven könnte auch an Syphilis oder Durchblutungsstörungen gelitten haben. Die von dem Komponisten selbst angeordnete Obduktion brachte keine eindeutigen Erkenntnisse. Deutet man aber die vom Komponisten selbst beschriebenen Symptome, ist es sehr wahrscheinlich, dass die äußeren Haarzellen in seinem Innenohr nach und nach nicht mehr funktionierten.

Äußere Haarzellen

Im Durchschnitt hat der Mensch 12.000 äußere Haarzellen. Sie dienen quasi als Verstärker im Ohr. Sie tragen dazu bei, dass man hohe Töne wahrnehmen kann, und dienen dem Sprach- und Klangverstehen. Lärm oder auch Metalle wie Blei, Zinn oder das hochgifte Quecksilber können dazu beitragen, dass die Zellen absterben. Leitungen und Geschirr waren durchaus damals aus Blei oder Zinn. Krankheiten wie Syphilis wurden mit Quecksilber behandelt. Von daher kann es auch sein, dass Behandlungsfehler bei anderen Krankheiten Beethovens Gehör schädigten.

Behandlung der Schwerhörigkeit

Sicher scheint jedenfalls auch, dass die Therapie, mit der Beethovens Schwerhörigkeit behandelt wurde, nichts brachte – und aus heutiger Sicht gar nichts bringen konnte. Ärzte gaben ihm Mandelöl, bestimmte Teesorten oder verordneten auch Meerrettich-Wickel mit Baumwolltüchern. Lauwarme Donaubäder sollte ihm Linderung verschaffen. Doch geholfen hat das alles nichts.

Fleckfieber, Syphilis oder Bleirohre?

Doch egal, ob Fleckfieber, Syphilis oder Bleirohre, Meerrettich-Wickel oder Mandelöl – heute hätte Beethoven auch im fortgeschrittenen Stadium seiner Schwerhörigkeit geholfen werden können. Heutige Hörgeräte können selbst bei einem hochgradigen Hörverlust Menschen wieder hören lassen. Wenn selbst externe Hörgeräte wie die klassischen Hinter dem Ohr-Hörgeräte den Hörverlust nicht mehr ausgleichen können, kann in den meisten Fällen noch ein Cochlear-Implantat eingesetzt werden, mit dem der Hörnerv erregt wird, der hinter den zerstörten Haarzellen liegt.

Hörgeräte damals

Während Akustiker Hörsysteme heute individuell den Patienten anpassen, war es damals weitaus schwieriger eine geeignete Hörhilfe zu finden. Als der Komponist immer mehr unter seiner Schwerhörigkeit litt, suchte er Kontakt zu dem Erfinder und Mechaniker Johann Nepomuk Mälzel. Er erfand für den berühmten Komponisten unter anderem ein Hörrohr, was vermutlich eine Verstärkung von 15 bis 20 Dezibel hatte. Das ist nicht viel, aber besser als nichts. Lange nutzen konnte Beethoven das Hilfsmittel wahrscheinlich nicht: mit 48 Jahren war er komplett ertaubt.